28. November 2008

Spielerterminologie: Hype und Buzz

Um es gleich vorwegzusagen (und für diejenigen, die sowieso nicht über den ersten Absatz hinauskommen): Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen "Hype" und "Buzz". Der Begriff "Hype" ist negativ besetzt, während "Buzz" etwas positives ist. Die Unterscheidung zwischen den beiden liegt natürlich, wie so oft, im Auge des Betrachters, aber nichtsdestotrotz finde ich, dass eine genauere Definition lohnt.

Ok, nun, wo wir unter uns sind, zu den Details. In der Diskussion um noch nicht veröffentlichte Neuheiten, bspw. vor Essen oder Nürnberg, taucht immer wieder der Begriff "Hype" auf. Hype (vielleicht am besten übersetzbar mit Medienrummel) kann man natürlich auch eingedeutscht als Verb verwenden: etwas hypen (aus dem englischen: to hype sth. = etwas künstliche aufbauschen, stimulieren)

Verwand dazu aber grundlegend anders besetzt ist der Begriff "Buzz" (eigentlich Summen, aber hier eher Begeisterung). Während Hype eher negativ besetzt ist, zeugt Buzz von einer positiv eingestellten Bewertung durch den Leser oder Rezipenten.

Der Unterschied zwischen den beiden Begriffen ist gerade im deutschen Sprachraum nicht jedem sofort klar, weshalb es einem Muttersprachler aus USA oder GB schon mal komisch anmutet, wenn hier bei uns von einem Hype für bestimmte Spiele gesprochen wird, obwohl doch eigentlich Buzz gemeint war.

Ein Spiel, das vom Verlag und dessen Vertretern mit Vorschusslorbeeren ausgestattet wird, evtl. noch scheinbar künstlich verknappt wird ("Streng Limitierte Auflage von nur 1500 Exemplaren!") und generell in erster Linie vom Autor und dessen Familie in den höchsten Tönen gelobt wird, hat einen Hype. Das ist, glücklicherweise, in den letzten Jahren nur noch sehr selten vorgekommen. Hypes in dieser Einfachheit und so dumm platziert findet man fast gar nicht mehr.

Von Buzz hingegen spricht man, wenn das Spiel von vielen verschiedenen Spielern evtl. schon vorab in Demogruppen oder Rezensionsexemplaren ausprobiert werden konnte und es generell eine positive Stimmung, ein wohliges Grund-Summen, für das Spiel gibt.

Die Unterscheidung zu treffen hängt natürlich auch grundlegend vom eigenen Empfinden, von der gefühlten Qualität des Spiel ab, wenn es denn dann tatsächlich auf den Tisch kommt. Wenn mir ein Spiel nicht gefällt, bin ich viel eher geneigt (auch wenn das unfair sein mag) ihm nachträglich einen Hype zuzusprechen. Die Einschätzung "Hype" oder "Buzz" sollte eigentlich vor der eigenen Erfahrung möglich sein.

Aber das ist graue Theorie. Interessant ist die Anwendung dieser Definitionen in der Praxis.

Der strittigste Fall (na gut, zumindest der am heftigsten diskutierte) ist sicherlich "Dominion" von Donald X. Vaccarino, erschienen bei Hans im Glück. Meiner Meinung nach ein ganz herausragendes Spiel mit riesigem Wiederspielreiz, jeder Menge Abwechslung, gute Mechanismen und einem Kilogramm Spaß in der Kiste. Wen wundert es also, dass ich das Geschehen um Dominion herum in erster Linie als "Buzz" wahrnehme. Die heftigste Kritik rankt sich um die Developer Valerie Putman und Dale Yu. Die beiden hatten vom amerikanischen Verlag Rio Grande Games die Aufgabe bekommen den Feinschliff am Spiel durchzuführen und sich beherzt in die Sache hineingestürzt. Durch eine schier unendlich anmutende Anzahl von Testrunden auf verschiedensten Conventions kam es so schon relativ früh zu einer Meinungsbildung im Bezug auf "Dominion". Da jedoch die Spieletester anfänglich nichts über das Spiel sagen durften bzw. ihre Erfahrungen zunächst nicht öffentlich diskutieren sollten, wurde dem Spiel (das zu diesem Zeitpunkt noch "Game X" genannt wurde, weil selbst der Titel geheim war) rasch ein Hype unterstellt. Angefeuert wurde das Ganze dadurch, dass die Valerie und Dale in ihren regelmäßigen Kolumnen auf boardgamenews.com immer wieder von Dominion berichteten und diejenigen Spieler, die noch nicht in den Genuß einer Probepartie zu kommen, die sprichwörtliche Karotte an der Angel vor die Nase gehängt bekamen.

Meiner Meinung nach ist Hype hier also fehl am Platze. Klar, Valerie und Dale haben eine Menge Promotion für "ihr" Produkt gemacht, aber der meiste Buzz kam eindeutig von den zahllosen Testspielern. Auch wenn man Rio Grande Games unterstellen möchte, dass durch diese engagierte Arbeit viele erst auf das Spiel aufmerksam geworden sind (immerhin ist es das erste "richtige" Spiel von Herrn Vaccarino, wenn man dem BoardGameGeek trauen darf), muss man bedenken, dass die manigfaltigen Meinungen, die nach dem Lüften der Geheimhaltung gepostet wurden, ein sehr einheitliches Bild abgaben.

Aber ich will nicht schließen, ohne wenigstens auch noch ein kurzes Beispiel für einen Hype zu geben. Um nicht zu vielen Leuten auf die kleinen Zehen zu treten, wähle ich dafür ein Spiel aus einem früheren Jahr aus. "Khronos" von Arnaud Urbon und Ludovic Vialla, erschienen bei Matagot. Hier bin ich selbst ein Opfer geworden und habe mir das Spiel 2006 auf der Messe nahezu unbesehen gekauft (wie ettliche hundert andere auch, wenn man den Berichten glauben darf). Es klang aber auch zu verlockend. Ein Spiel mit einem Zeitreisethema, das war zumindest mal neu. Die Ernüchterung kam dann zu Hause beim Auspacken. Die Qualität der beiliegenden Holzspielsteine war sehr ... bescheiden. Diese wurden zwar vom Verlag zügig gegen bessere ausgetauscht, aber der erste Zweifel nagte. Als die Spielregel dann auch noch relativ unmotiviert und vor allem schlecht übersetzt daher kam, war es fast schon vorbei mit der guten Laune. Da half es dann nichts, dass das Spiel selbst nur so gerade eben als "ok" durchging. Hier war zuviel guter Wille schon verbrannt.

Matagot hat das Ganze sehr klassisch aufgezogen. Auf der Webseite (vor der Messe) war kaum etwas über das Spiel selbst zu lesen. Es gab aber ein sehr gut gemachtes Promotionsvideo mit sehr ansprechenden Computeranimationen zum Hintergrund des Spiels (Zeitreise, ja, sagte ich schon, klang gut!). Natürlich wurde man im Vorfeld darauf hingewiesen, dass die Auflage limitiert sei (welche Auflage ist das nicht?) und dass man auf der Messe besser sofort zuschlagen sollte. Beim Kauf wurde man selbstverständlich nicht auf die schlechte Qualität der Holzspielsteine hingewiesen, warum auch? Das ausliegende, offene Exemplar, das am Stand gespielt werden konnte, hatte ja auch schon besseres Material. Klassisch halt.

Insgesamt muss ich sagen, dass die Gefahr eines "Hypes" in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat. Ausführliche Vorberichterstattungen auf den einschlägigen Webseiten helfen ungemein, schon vor dem Erscheinen eines Spiels ein umfassendes Bild zu bekommen. Das wichtige dabei ist, dass diese Quellen im Allgemeinen nicht alle von derselben Stelle kontrollierbar sind. Im BoardGameGeek wird über neue Spiele diskutiert, es werden Spielberichte mit Prototypen gepostet. Im Spielboxforum wird auf das Erscheinen von Anleitungen auf den Webseiten der jeweiligen Verlage nahezu sofort hingewiesen. Boardgamenews hat sein Ohr eher am Puls der Verlage und läßt sich von dort mit Neuigkeiten versorgen. Ich denke, wir leben in einer hervorragenden (Spiele-)welt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen