13. August 2007

Spielerterminologie: Königsmacher bzw. Kingmaker

Spielsituationen, in denen ein Spiel durch einen Spieler, der nicht mehr um den Sieg kämpft, entschieden wird, werden häufig kontrovers diskutiert. Solche Situation nennt man "Kingmaker-Szenario" (oder Königsmacher-Situation). Der abgeschlagene Spieler kann durch seinen Zug nur entweder dem einen oder dem anderen Führenden zum Sieg verhelfen. Seine Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Zug entscheidet also darüber, wer die gesamte Partie im Endeffekt gewinnt. Wenn bei der Krönung des Siegers dann auch noch zwischenmenschliche Erwägungen ("Ich will heute nicht auf der Couch schlafen ...") zum Tragen kommen, kochen die Gemüter bei sehr siegorientierten Spielern dann schon mal über und die Eskalation ist vorprogrammiert.

In nahezu jedem taktisch oder strategisch angehauchten Mehrpersonenspiel lassen sich Möglichkeiten konstruieren, in denen solche Überlegungen auftreten:

  • TransAmerica - Wähle ich auf dem Weg zu meiner letzten Stadt die Route, die mich durch eine bislang nicht angeschlossene Stadt führt und sorge dadurch evtl. dafür, dass der vor mir sitzende Spieler gewinnt oder mache ich den kleinen Umweg und der Spieler nach mir gewinnt?
  • Die Siedler von Catan - An wen soll ich mein letztes Erz verhandeln, um wenigstens noch eine Siedlung bauen zu können?
  • Puerto Rico - Nehme ich den Kapitän und verteile damit die letzten Siegpunkte oder wähle ich den Baumeister und erlaube es demjenigen der gerade den Goldsucher genommen hat, sein letztes Gebäude zu bauen? Oder doch lieber den Bürgermeister, damit die ganzen großen Gebäude wenigstens noch besetzt werden können?
Alle diese Situationen sind dazu geeignet, die Entscheidung um den Spielsieg zu fällen. Wie verhalte ich mich in einer solchen Situation also "richtig"? Die übliche Antwort auf diese Frage ist immer wieder, dass der Spieler hier seinen eigene Position und nur seine eigene Position im Auge behalten sollte. Kann ich durch den letzten Spielzug erreichen, dass sich meine eigene Position verbessert? Kann ich evtl. den Spieler direkt vor mir noch überholen? Was ich, wenn man der Schwarmintelligenz der Brettspieler dieser Welt glauben darf, auf keinen Fall machen darf, ist Argumente oder Einflüsse außerhalb des jetzt in diesem Moment gerade betroffenen Spieles einzubeziehen. Ich darf also nicht jemandem einen Vorteil verschaffen, weil er so freundlich fragt. Ich darf auf keinen Fall meinem Partner zum Sieg verhelfen. Vielfach wird sogar die Einbeziehung von viel früheren Zügen im selben Spiel ("Du hast mich in der zweiten Runde angegriffen, dafür lasse ich jetzt Peter gewinnen...") mit mindestens einem Stirnrunzeln bedacht. Der Konsens der Spielefachwelt scheint zu sein "Echte Spieler sind keine Königsmacher!". In einer Situation, wo ich eine solche Entscheidung treffen muss, wobei für mich persönlich der Ausgang unbedeutend wäre, weil ich nicht betroffen bin, wird sogar schon mal die Verwendung eines Würfels vorgeschlagen, um das Spiel "fair" zu halten.

Das geht mir alles zu weit. Meiner Meinung nach gehört in jedem Spiel, an dem mehr als zwei Personen oder Parteien beteiligt sind, der soziale Aspekt so grundlegend zum Spiel (und zum Spaß) dazu, dass eine Trennung dieser Einflüsse nicht möglich ist. Selbstverständlich haben schon während der gesamten Partie meine Entscheidungen dafür gesorgt, dass nun Spieler A und Spieler B überhaupt erst in dieser Situation sind. Selbstverständlich haben es A und B während der gesamten Partie versäumt, sich hinreichend von ihrem Kontrahenten abzusetzen, so dass es überhaupt erst zu diesem Ende kommen konnte. Der letzte Spielzug einer evtl. mehrere Stunden laufenden Partie ist niemals die einzige oder gar die wichtigste Entscheidung, die ich treffe.

Man kann sogar darüber reden, ob es bis zu dieser Königsmacher-Entscheidung legitim ist, einen Spieler zu bevorteilen. Dann muss man aber auch darüber reden, ob Absprachen, Verhandlungen, Tipps und generell das Tischgespräch erlaubt sind. DAS ist mir zu mühsam, zu einschränkend, zu wenig Spaß und vor allem zu wenig Spiel.

Aus meiner Erfahrung heraus glaube ich sagen zu können, dass die Vorwürfe des "Kingmaker" (hart gesagt) oftmals einfach nur Gejammer sind. Ich kenne niemanden, der nicht gerne gewinnt. Unter diesem Gesichtspunkt wird der Kingmaker von demjenigen, der durch seine Entscheidung verlieren würde, dahingehend unter Druck gesetzt, dass ihm vermeintlich moralische Bedenken eingetrichtert werden. Das ist aber auch wiederum nur eine Form der Verhandlung und der Diplomatie. Da diese "Verhandlung" jedoch die Metaebene am Spieltisch einbezieht ("Das ist doch unfair, wenn Du das jetzt entscheidest... das macht das ganze Spiel kaputt!"), beißt sich hier die Katze in den Schwanz. Dem Königsmacher die Einbeziehung von bestimmten Erwägungen zu verbieten oder vorzuwerfen, ist selbst wiederum ein spielfremdes Element.

Königsmacher-Situationen wird es immer wieder geben. Damit kann ich leben. Wenn dadurch jedoch sozialer Druck am Spieltisch entsteht, geht die Geschichte eindeutig zu weit. Spieler, die Angst vor dem Verlust einer Partie durch einen Königsmacher haben, sollten sich vielleicht auf 2-Personen-Spiele konzentrieren. Dort werden sie es sehr viel einfacher haben.

Vielleicht bin ich in Königsmacher-Situationen auch nur deswegen so entspannt, weil ich nahezu nie deren Nutznießer bin. Wenn es an einem Spieltisch (mit einer meiner üblichen Runden) die Entscheidung gibt, ob ich oder irgendjemand anderes den Vorteil bekommen soll, ziehe ich fast immer den Kürzeren. Trotzdem macht mir das Spielen Spaß. Komisch eigentlich, oder?

1 Kommentar:

  1. Wenn es im letzte Zug passiert, geht das ja noch. Da könnte man tatsächlich versuchen wenigstens Vorletzter :-) zu werden.

    Aber es gibt ja auch Spiele (Civilization von AH, Age of Renaissance), bei denen weiß man schon lange vorher, dass man nicht mehr gewinnt, weil man einen dicken Fehler gemacht hat.

    Folge man da dem Königsmacher-Argument, müsste man bis zum Ende rummachen, ohne etwas bewirken zu dürfen. Oder immer nur den anrandalieren, der in der Platzierung vor einen scheint. Aber eigentlich könnte man auch heimgehen.

    Ich tendiere inzwischen dazu das zu tun, was mir am interessantesten scheint und am meisten Spaß bringen könnte. Denn zwei Stunden auf den vorletzten Platz spielen ist einfach öde.

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