25. Juni 2007

Das Spiel des Jahres 2007 ist Zooloretto

Vor zwei Stunden wurde es durch den Newsticker, live von der Pressekonferenz in Berlin bestätigt: Das Spiel des Jahres 2007 ist "Zooloretto" von Michael Schacht, erschienen bei Abacus. Von mir einen herzlichen Glückwunsch.

Wir haben Zooloretto im Mai auf dem Herner-Spielewahnsinn kennengelernt. Hier nochmal kurz meine damalige Einschätzung:

"Zooloretto" von Michael Schacht, erschienen bei Abacus Spiele

Schließlich haben wir dann auch noch einen Tisch mit "Zooloretto" gefunden. Hier handelt es sich bekanntlich um die Brettspielversion des Kartenspiels "Coloretto" aus dem Jahr 2003. Ich muss sagen, dass die Umsetzung hervorragend gelungen ist. Normalerweise bin ich solchen "Das Brettspiel nach dem Kartenspiel" gegenüber (ähnlich Peer) nicht besonders freundlich gestimmt. Meistens, wie zum Beispiel beim "Tanz der Hornochsen" von Wolfgang Kramer bringt mir das Brettspiel nicht genug neue Elemente mit, um den höheren Preis und den Regalplatz zu rechtfertigen. Hier ist das anders. Zwei neue Spielelemente (Geld und die Topologie der Gehege) ergänzen sich hervorragend mit dem aufgesetzten Thema. Diese haben ein nettes Absackerkartenspiel zu einem leichtgewichtigen und flotten Brettspiel aufgewertet. Mir gefallen speziell die zusätzlichen Möglichkeiten, die die Geldaktionen bieten, sehr gut. Sie haben eine neue taktische Ebene eingezogen, die im Kartenspiel einfach unpassend gewesen wäre. Fazit: Ein guter Spiel des Jahres-Kandidat. Wird sicherlich in einer meiner kommenden Bestellungen enthalten sein.

Daran hat sich seit dem nichts geändert. Ich halte Zooloretto immer noch für ein sehr würdiges Spiel des Jahres. Aber, um die Diskussion aus dem (unter anderem) Spielboxforum nochmal aufzugreifen: Ich bin nicht die Zielgruppe dieses Preises. Und Du, wenn Du das hier liest, vermutlich auch nicht. Dazu jedoch weiter unten mehr.

Zunächst einmal noch ein paar Gedanken zu Zooloretto: Der Abacusverlag hat in der Produktion des Spiels vermutlich nur einen winzigen Fehler gemacht. Sie haben keinen Eisbären auf das Cover gebracht. Dies war, so Joe Nikisch auf der Pressekonferenz in Berlin, zwar tatsächlich einmal geplant gewesen (das war vor der Hysterie um Knut), der Eisbär wurde dann aber zugunsten eines viel süßeren Pandabären entfernt.

Ansonsten läßt Zooloretto kaum Wünsche offen. Die liebenden Großeltern erhalten ein hervorragendes und familientaugliches Spiel für den Gabentisch und der Autor Michael Schacht versorgt auf seiner Webseite Spiele aus Timbuktu die restliche Welt mit kostenlosen Erweiterungen, Regelvarianten und neuen Ideen. Es ist also zunächst einmal sichergestellt, dass Zooloretto so schnell nicht langweilig wird. Die Webseite ist (meiner Meinung nach) zwar etwas "unaufgeräumt", weil dort eine ganze Menge Material auf fast schon zu kleinem Raum präsentiert wird, aber bei der Qualität des gebotenen bin ich gerne bereit darüber hinwegzusehen.

Michael Schacht ist es nach so hervorragenden Spielen wie Hansa, Knatsch und vor allen anderen Kardinal & König sehr zu gönnen, endlich einmal die Anerkennung der Jury zu gewinnen. Er entwickelt Spiele von sehr unterschiedlicher Spieltiefe und Anspruchshöhe, ich habe in den vielen Spielen, die ich von ihm schon gespielt habe, nur sehr wenige gefunden, die mir nicht gefallen haben.

Einkaufsquelle: Amazon.de - Zooloretto. Spiel des Jahres 2007



Wie gesagt, Zooloretto ist ein würdiger Preisträger. Die anderen Kandidaten, die am 20. Mai auf der Nominierungsliste benannt wurden, waren zwar durchweg (naja, gut, vielleicht mit Ausnahme von "Der Dieb von Bagdad") sehr gute Spiele, jedoch ist Zooloretto die beste Wahl gewesen, wenn man sich die Wünsche und Zielsetzungen der Jury ansieht. Dort geht es nämlich in erster Linie nicht um die Benennung des besten Spiels eines Jahrgangs, sondern:
Zielsetzung
Die im Rahmen des Kritikerpreises "Spiel des Jahres" verliehenen Auszeichnungen sollen das Kulturgut Spiel fördern, den Gedanken des Spielens im Familien- und Freundeskreis beleben und eine Orientierungshilfe im großen Spieleangebot geben.
Diese benannte Zielsetzung muss man bei der Beurteilung der Leistung der Jury immer im Hinterkopf behalten. Es geht nicht darum, dass tollste Spiel seit der Erfindung des Holzwarenwürfels zu prämieren. Es geht darum Familien und Freunde an einem Tisch zu versammeln und ihnen ein wenig von der Faszination des "Spielens" zu vermitteln. Spätestens an dieser Stelle kommt natürlich immer Widerspruch auf. Frei nach dem Motto: "Aber ist doch gar nicht so kompliziert, ich kann das Spiel in max. 5 Minuten erklären!" Dieser Einwand verkennt aber die Situation. Die Leute, die sich an diesen Diskussionen beteiligen sind auf keinen Fall der Maßstab. Ich kann(!) "Die Baumeister von Arkadia" oder "Jenseits von Theben" in 5 (na gut, 10) Minuten an meine aufmerksamen Mitspieler vermitteln. Danach, weil ich während des Spiels auf die Einhaltung der Regeln achte und alles im Blick habe, wird das Spiel gut funktionieren, flott gespielt werden und allen Spaß machen. Aber mich gibt es nur einmal. Du kannst das auch, damit sind wir schon zu zweit. Aber dann? Nicht jede Familie hat einen Alpha-Spieler im Schrank oder auf Abruf bereit. Die meisten Familien die ich kenne sind nicht in der Lage sich eine 5 seitige Regel anzueignen und danach flüssig ein Spiel zu spielen. Ich erinnere mich mit Grauen an die Mitte der 80er Jahres und meine ersten Versuche mit Junta.

Uli Blenneman von Phalanx Games hat auf reich-der-spiele.de einen Gastkommentar veröffentlicht, wo er eine andere Stoßrichtung gegen die Jury vorgibt. Seiner Meinung nach schlägt die Jury deswegen einen falschen Weg ein, weil sie alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner (also die Einfachheit der Spielregeln und der geringe Anspruch) reduziert und damit niemandem hilft. Seiner Meinung nach werden dadurch einerseits die Familien nicht unterstützt, da sie nur "einfache" Spiele vorgesetzt bekommen und die Vielfalt unseres Hobbys nur am Rande und mit viel Glück erahnen können. Andererseits hilft die Jury sich aber auch nicht selbst, da sie eben nicht das Kulturgut "Spiel" fördert sondern auf banale Hausmannskost herabsetzt. Sein Lösungsansatz ist, die Berücksichtigung der niedrigen Einstiegshürde fallen zu lassen und "richtige" Spiele zu nominieren. Er sagt, da sowieso die Mehrzahl der gekauften Spiel des Jahres Geschenke ungespielt in die Schränke wandert, könne man auch ein komplexeres, anspruchsvolleres und interessanteres Spiel prämieren.

Ich glaube Uli verkennt dabei, die Bedeutung der "Spiel des Jahres" Auszeichnung, die in den letzten 20 Jahren aufgebaut worden ist. Die Käufer verlassen sich darauf, dass im Karton mit dem Pöppel ein einfach zu verstehendes und nicht zu komplexes Spiel enthalten ist. Diese Vertrauensbildung nun wieder neu zu beginnen, indem man diese Prämisse über den Haufen wirft, ist kein guter Ansatz. Eine langsame Migration zu diesen neuen Anforderungen könnte zwar funktionieren, würde aber auch wiederum einem langsamen austrocknen der Zielgruppe gegenüberstehen.

Da ist sie wieder: die Zielgruppe. Das ist alles worum es sich hier dreht. In der heutigen Zeit (Achtung, Kulturpessimismus) will niemand, der noch nicht an die Spiele herangeführt worden ist, 30 Minuten mit der Lektüre von Regeln verplempern. Wer vorher nicht weiß, ob ihm die Tätigkeit "Brettspielen" überhaupt Spaß machen wird, liest keine Regeln, erarbeitet sich kein Spiel.

Was lernen wir daraus: Um die fomulierten Ziele der Jury zu erreichen genügt es nicht, jedes Jahr ein "Spiel des Jahres" zu prämieren, um das Kulturgut "Spiel" zu fördern. So wie es im Moment gelebt wird, sorgt der Pöppel für 5 Minuten in der Tagesschau, drei bis fünf Zeitungsartikel in regionalen Presseorganen und einen mächtigen Umsatz im Weihnachtsgeschäft. Dadurch wird dem Verlag geholfen, mehr aber auch nicht. Das Spiel des Jahres ist also Wirtschaftshilfe für eine einzelne Branche.

Was heißt das für mich? Ich werde auch in Zukunft die Prämierung anerkennend zur Kenntnis nehmen, wissend nicken und weitergehen. Das Spiel des Jahres hat für mich wenig Relevanz. Man kann unglaublich gut über die Auswahl der ausgezeichneten Spiele diskutieren, aber das wird irgendwann langweilig. Viel interessanter ist eine Diskussion der Auszeichnung selbst. Reicht es, einen Pöppel zu verteilen und sich dann für ein Jahr aus der Aufmerksamkeit zu verabschieden? Ich glaube nicht. Das Kulturgut "Spiel" wird so nicht wirklich gefördert. Wäre es nicht viel interessanter zusätzliche Mittel und Wege zu finden, wie den Spielen an sich mehr Aufmerksamkeit zukommen könnte? Das wird nicht durch die Erfindung neuer Spielepreise, zusätzlicher Auszeichnungen und Abstimmungen im Internet geschehen. Aber was ist die Alternative?

Insofern mache ich mich jetzt an die erste Begutachtung der Neuheiten für Essen 2007. Am 18. Oktober öffnen die Messetore! Das ist eine Veranstaltung für mich. Da bin ich Zielgruppe, da darf ich sein. Vielleicht findet sich ja ein Weg.

1 Kommentar:

  1. Super Beitrag mit schlüssiger und guter Argumentation. Gehe völlig konform mit dir. Einziger Unterschied: Ich spiele die von der Jury empfohlenen und nominierten Spiele (besonders dieses Jahr) auch ausgesprochen gerne. Immer nur Puerto, Goa oder Caylus geht auch nicht.
    Klaus

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