26. Januar 2007

Spielerterminologie: Erklärbär

Nahezu jede Spielgruppe hat ihren Erklärbären. Meistens ist das ein Ehrentitel, manchmal eine Bürde, weil er mit einer Menge Arbeit einher geht. Ich freue mich darüber, von meinen Mitspielern von Zeit zu Zeit zu hören, dass sie es mögen wie und wenn ich ihnen meine Spiele erkläre.

Was macht einen guten Erklärbären aus? Das eindeutigste Kriterium ist, ob nach der Erklärung die Mitspieler das Spiel verstanden haben oder ob der Groschen erst nach der ersten Partie fällt.

Das wichtigste für einen Regelerklärer ist, dass er vor allem Spaß am Spiel und an der Erklärung desselben hat. Ich kann kein Spiel erklären, das ich nicht zumindest auch spielen möchte. Wenn man nicht mit Spaß bei der Sache ist, kann man seine Zuhörer auch nicht davon überzeugen, dass es sich lohnt, die nächsten 10 Minuten zu lauschen. Wenn ich nicht mit Spaß bei der Sache bin, kann ich mich selbst nicht überzeugen. Das wiegt viel schwerer.

Age of Steam von Martin Wallace
(Photo von Mark Coomey)

Das Spiel zu kennen ist natürlich grundlegend. Ich bin zwar mittlerweile (Achtung, Eigenlob!) auch ganz gut darin, eine Spielregel so vor zu lesen, dass die meisten meiner Mitspieler zumindest mitspielen können, das versuche ich aber zu vermeiden. Lediglich in Essen oder auf anderen Events, wo es in erster Linie darum geht, viele neue Spiele kennen zu lernen, greife ich auf diese Fähigkeit zurück. Idealerweise habe ich vorher genug Zeit die Regel selber durchzuarbeiten. Dabei ist es sehr nützlich, direkt schon Fallstricke zu identifizieren oder auch Ähnlichkeiten zu schon bekannten Spielen aufzuzeigen.

Meine Regelerklärungen gehen normalerweise in einer Abfolge von fünf Schritten über die Bühne.

Im ersten Schritt gebe ich zunächst einen groben Überblick über das Thema des Spiels.
"Bei Age of Steam geht es darum, ein möglichst gutes Netz von Eisenbahnstrecken für Gütertransporte im Osten der Vereinigten Staaten aufzubauen."
Direkt gekoppelt wird das mit einer Präsentation des Spielmaterials. Bei dieser Vorstellung ist es mir besonders wichtig, die Begriffe des Spiels (Warenwürfel, Gleisplättchen, Aktien, ...) zu etablieren und dann auch an diesen festzuhalten. Nichts verwirrt einen neuen Spieler mehr als ein Wechsel der Terminologie in der Mitte der Erklärung. Auch die Erläuterung, was zu Gewinnen der Partie notwendig ist, wird in diesem ersten Schritt einbezogen
"Es geht darum, am Ende des Spiels, also nach 6 Runden, auf der Einkommensleiste am weitesten vorne zu stehen."

Im zweiten Schritt der Erklärung wird dann gemeinsam das Spiel aufgebaut. Diesen Schritt halte ich deswegen für essentiell, weil so einerseits jeder Spieler nochmals in die Terminologie eingeführt wird und sich andererseits die Zuhörer direkt vom Beginn der Erklärung an einbezogen fühlen sollten. Durch das gemeinsame Aufbauen des Spieles erreiche ich beides. Jeder weiß wo alles liegt und erkennt zumindest auch beiläufig, einige Mechanismen.
"Auf jede Stadt werden zufällig 2 Warenwüfel plaziert, lediglich Pitsburgh und Wheeling erhalten drei. Der Rundenmarker wird ..."

Der dritte Schritt dann macht den Großteil der Erklärung aus. Hier gehe ich zunächst grob, dann immer detaillierter werdend, auf die einzelnen Schritte einer typischen Spielrunde ein. Die Ablauf einer Runde wird kurz angerissen und jede Phase dann im Einzelnen erläutert. Das wichtige dabei ist, dass zu diesem Zeitpunkt noch nicht jedes Detail aus den Tiefen der Regel herausgearbeitet werden darf. Die wichtigsten Punkte sollten jedoch ganz klar herüberkommen.
"In der ersten Phase einer Runde werden neue Aktien ausgegeben. Wichtig hierbei ist, dass nur in dieser Phase neue Aktien ausgegeben werden können!"
An dieser Stelle gehe ich dann auch schnell auf die üblichen Probleme ein, die neue Spieler mit dem jeweiligen Spiel haben können. Age of Steam zum Beispiel, um im Beispiel zu bleiben, hat den eklatantesten Bruch in der Logik des Spiels an dem Punkt, wo die Spieler realisieren, dass es wichtig ist, ein möglichst ineffizientes Streckennetz zu bauen, weil man durch den Transport einer Ware über eine längere Strecke größere Gewinne einstreicht. Solche logischen Brüche im Thema eines eher abstrakten Spieles müssen glasklar vor dem Beginn der Partie herausgestellt werden.

Der vierte Schritt schließt sich nahtlos an den dritten Schritt an. Die detaillierte Beschreibung der einzelnen Phasen. Nachdem jeder Spieler nun schon einen groben Überblick hat, was im Prinzip jede Runde möglich ist, wird ihm nun vermittelt, wie genau es dazu kommt.
"Ich habe gerade gesagt, dass jeder jede Runde eine Rolle auswählt. Dies geschieht in der Spielerreihenfolge, die durch die Auktion festgelegt wurde. Eine einmal durch einen Spieler gewählte Rolle ist für den Rest der Runde für die anderen Spieler gesperrt."
Selbst in dieser Phase lasse ich aber obskure Sonderregeln und selten notwendige Eigenheiten noch weg. Spätestens in diesem Schritt kommt es aber zu den ersten inhaltlichen Rückfragen (zumindest wenn bis dahin noch niemand eingeschlafen ist). Hier ist für mich der wichtigste Punkt festzustellen, welche Fragen ich sofort beantworten will und welche Fragen ich im späteren Verlauf erst noch erläutern will. Es macht überhaupt keinen Sinn, jede Frage an dieser Stelle ausschweifend zu beantworten. Speziell deswegen, weil sich die Antworten aus der folgenden Darstellung selber geben. Wichtig ist mir nur, dass ich keine der gestellten Fragen vergesse und im späteren Verlauf der Erklärung auf jeden Fall darauf zurückkomme.

Abschließend, im fünften Schritt, rekapituliere ich noch einmal schnell den Rundenablauf und vergewissere mich selbst, dass ich keine wichtigen Details vergessen oder absichtlich ausgelassen habe. (Meine Mitspieler kennen nur zu gut die klassischen Worte: "Zweieinhalb Dinge noch ...") Hier weise ich nun endlich auch auf jede obskure Sonderregel oder spezielle Eigenheit hin. Es ist bei diesen nur notwendig, dass ich selbst im Verlauf des Spiels keinen Vorteil durch hier absichtlich ausgelassene Komplexität gewinne. Ich also auf keinen Fall die unerläuterte Sonderregel IV.a-9) zur Anwendung bringe, um aus unvorteilhafter Position heraus, dennoch zu obsiegen. Ein in dieser Stelle der Erklärung erstmals vorgestellter Punkt wird sich einfach in den Köpfen nicht hinreichend festsetzen, dass es jeder behält. Ich hätte also einen unfairen Vorteil. Hingegen freue ich mich, wenn jemand solches gegen mich selbst einsetzt. Das zeigt mir, dass ich nicht zu langweilig war.


Diese erste Partie verläuft niemals rund. Ich bin aber kein Freund von "Proberunden" oder Abbrüchen nach der Hälfte, um dann mit neuem Wissen erneut durchzustarten. Ich habe festgestellt, dass das nicht oft notwendig ist, wenn jeder am Tisch die richtige Einstellung zum Spiel hat. Gewinnen ist zwar schön, aber es geht mehr um das Spielen. Natürlich werden Fehler gemacht. Natürlich vergisst der eine oder andere mal eine Regel. Na und?

Während des Spieles ist es mir als Erklärbär wichtig, das jeder Spaß an der Sache hat. Daher werfe ich einerseits nicht ungefragt mit guten Ratschlägen um mich, andererseits weise ich aber auf sich abzeichnende Fehler hin, die auf einer Fehlinterpretation des von mir Erzählten beruhen.
Ich: "Möchtest Du einen kleinen Tipp?"
Sie: (nickt) "Ja, gerne ..."
Ich: "Du solltest darüber nachdenken, diesen roten Warenwürfel hier wegzubewegen. Das bringt Dir zwar einen Punkt weniger als der blaue dort drüben, aber ich kann dadurch die 5 Punkte nicht einheimsen."



Insgesamt habe ich gelernt, dass es sich auszeichnet, einen reichhaltigen Fundus an Spielerfahrung zu haben, um ein Spiel zu erklären. Dadurch, dass jede Spielregel anders ist, gelangt man durch mehr Erfahrung zu mehr Vergleichen und vor allem zu mehr Struktur.

Meiner Meinung nach gibt es keine "beste" (gedruckte) Regel. So wie sich bei mir eine gewisse Routine in die Struktur der Regelerklärung für meine Spielegruppe eingeschliffen hat, wüsste ich natürlich, wie eine ideale Spielregel für mich konzipiert sein müsste (dazu werde ich sicherlich auch nochmal etwas schreiben). Dennoch gibt es hoffentlich tausende weitere Spieler in der Welt, die einen anderen Aufbau der Spielregel oder der Erklärung durch ihren persönlichen Erklärbären bevorzugen.

Alle Ausführungen zu diesem Thema sind daher unter Vorbehalt und basieren ausschließlich auf eigener Erfahrung. Ich hoffe jedoch, dass vielleicht ein oder zwei nützliche Ideen drin waren.

Kommentare:

  1. Ausführliche und gute Beschreibung dieser vom Aussterben bedrohten Tierart.

    In unserer Gruppe bin ich einer von zwei Erklärbären. Und egal, ob ich oder der andere gerade an der Reihe mit Erklären ist, wir haben eine Person in der Gruppe, die jedes Mal behauptet, wir würden mutwillig gewisse Regeln verschweigen und erst bei (unserem) Bedarf die Regel ins Spiel bringen. Nur komisch, daß alle anderen Mitspieler sehr wohl um diese Regel wußten...

    Vielleicht wäre das was für einen Folgeartikel: die natürlichen Feinde des Erklärbärs.

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  2. "Die natürlichen Feinde ..." :-) Ja, den merk ich mir.

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