19. November 2006

Spielerterminologie: Turn Guy

Wer kennt diese Situation nicht: Alle sitzen um den Spieltisch, alle bis auf einen Spieler schauen indigniert in die Luft. Wer soll es wagen? Wer soll Frank (der Name des Spielers wurde von der Redaktion geändert) fragen, ob er nur so lange überlegt oder ob er überhaupt noch nicht mitbekommen hat, das mal wieder alle auf ihn warten?

Solche Misslichkeiten erlebe ich von Zeit zu Zeit. Ein oder zwei Spieler sind so sehr in ihren eigenen Zug vertieft, dass sie die Welt um sich herum vergessen und völlig überrascht werden von der Tatsache, dass die Runde schon wieder an ihnen ist.

Auftritt: "Turn Guy". Der Turn Guy (oder Turn Gal) ist die Person, die den Spielfluss sicherstellt oder zumindest zu retten versucht. Meistens übernehme ich oder meine Freundin diese Rolle. Mittlerweile haben wir eine gewisse Routine darin entwickelt uns abzuwechseln, weil es für Turn Guy immer auch eine Herausforderung ist, beim Steuern des Spielablaufes das eigene Spiel nicht aus den Augen zu verlieren.

Wir haben auch schon einige Alternativen ausprobiert, aber so richtig funktioniert hat nichts davon. Beispielsweise haben wir einmal kurzzeitig einen dicken Holzpöppel eingesetzt, der anzeigte, welcher Spieler gerade am Zug ist. Am Ende seines Zuges war es lediglich nötig, diesen Block an den nächsten Spieler weiterzugeben. Scheint zu schwierig zu sein. Die Leute mussten nicht mehr an den Beginn ihres Zuges, sondern an das Weiterreichen des Pöppels erinnert werden. Bevor ich also nicht mal mehr Turn Guy sondern Pöppel Guy geworden bin, haben wir die Idee wieder zu den Akten gelegt. Es funktioniert einfach nicht.

Warum? Ich denke Spieler versuchen möglichst "gut" zu spielen. Dazu gehört, sich über den eigenen Zug schon einmal ein paar Gedanken zu machen, während gerade jemand anderes sein Spiel macht. Das ist im Prinzip eine gute Idee, leider wird man dann aber oftmals in den tiefsten Gedanken überrascht. Ich frage mich dabei immer, wie man denn so dermaßen in Gedanken verfallen kann. Schließlich benötigt man zur Beurteilung der eigenen Situation, zur Festlegung des eigenen, nächsten Zuges, auch dringend die Situation auf dem Spielbrett bzw. die Handlungen der anderen Spieler. Man könnte daher denken, dass das Phänomen verstärkt in Spielen auftritt, wo man wenig mit den anderen Spielern interagiert, wo man nicht so sehr von den Zügen der Mitspieler abhängig ist. Interessanterweise stimmt das aber mindestens bei uns so nicht. Unabhängig vom jeweiligen Spiel kommt Turn Guy mit aus der Kiste und muss seine Arbeit machen.

Ich habe mich (leider?) dran gewöhnt. Ich denke sogar fast, dass mir was fehlen würde, wenn meine Mitspieler nicht ab und zu einen gewissen Schubs in die richtige Richtung benötigen würden. Das gibt mir ein gutes Gefühl ...



In "Hazienda" von Wolfgang Kramer, erschienen bei Hans im Glück war letztens eine Sternstunde von Turn Guy (gespielt von mir). In Hazienda macht wirklich jeder Spieler der Reihe nach seinen Zug. Genau drei Aktionen hat jeder Spieler in seinem Zug. Man kann auf das Ausführen einzelner Aktionen verzichten, aber das ist meiner Meinung nach gerade in der Anfangsphase nicht sehr vorteilhaft. Genau drei Aktionen also aus einer unüberschaubaren Menge von ... drei Auswahlmöglichkeiten, wobei man einzelne Aktionen mehrfach durchführen kann. Da kann man schon mal ins Grübeln geraten.

In Hazienda ist die Interaktion mit den Spielern lediglich über die Topologie des Brettes (abschneiden von den schönsten Märkten und Wasserlöchern) sowie der veränderlichen Kartenauslage gegeben. Man muss also eigentlich immer einen Blick auf den Spielplan haben, um erfassen zu können, ob der gerade gefasste Plan für die nächsten Runden überhaupt noch durchführbar ist.

Durch diese Verschärfung ist Hazienda ein Spiel, wo die Notwendigkeit für Turn Guy sein Sprüchlein zu sagen, immer seltener werden (darum Sternstunde! Am Ende konnte ich mich völlig auf mein Spiel konzentrieren und glorreich letzter werden). Gerade die ersten Runden jedoch, wenn die einzelnen Herden noch relativ weit voneinander entfernt sind, brauchen meine Mitspieler schon öfters man einen kleinen Hinweis.

1 Kommentar:

  1. Ja, ja, keine Runde ohne Turn Guy. Zwar hab ich die Bezeichnung hier zum ersten Mal gesehen, aber den Job kenne ich nur allzu gut! Mitunter nervt es etwas, da man ja meist den gleichen Schnarchzapfen anschubsen muss. Da ich meist auf wechselnden wöchtenlichen Spieleabenden spiele, versuche ich dann eher diese Leute zu meiden. Aber es klappt halt nicht jedes Mal...

    Grüße,
    Christian

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