13. November 2006

The Need for Speed

Ich bin nicht gut in Geschwindigkeitsspielen. Ich hätte niemals eine Chance in Spielen wie Speed oder Santy Anno gegen meine Freundin. Diese Tatsache ist zwar ein wenig desillusionierend für mich, jedoch kann ich damit sehr gut leben. Man kann nicht jedes Spiel gewinnen. Ich habe jedoch auch festgestellt, dass es unterschiedliche Einstellungen gegenüber solchen Situationen gibt.

An diesem Wochenende haben wir im Familienkreis mit meinen Geschwistern und deren Anhängen einige Spiele auf den Tisch gebracht. Unter anderem, wie ich schon mal angedeutet hatte, Santy Anno von Alain Orban. Da es in diesem Spiel tatsächlich um die Geschwindigkeit geht, in der ein Spieler seinen Weg durch den Hafen plant, leidet es unter einem nicht zu vernachlässigbaren Punkt: Ein Spieler, der das Spiel schon ein paar Mal gespielt hat, hat große Vorteile gegenüber einem Neuling.

Natürlich sind solche Vorteile bei jedem "vernünftigen" Spiel gegeben. Wenn ich die erste Partie Go in meinem Leben spiele, erwarte ich nicht, mit einem langjährigen und erfahrenen Spieler gleich auf zu sein. Auch bei sogenannten Glücksspielen wie Poker oder 17+4 spielt die Erfahrung eine nicht unwesentliche Rolle. Es zeichnet meiner Meinung nach sogar ein gutes Spiel aus, dass der Spieler, der die größere Erfahrung in einem Spiel hat, dieses im Allgemeinen eher gewinnen wird als ein sog. blutiger Anfänger. Bei "Geschwindigkeitsspielen" wie Bongo, Rasende Roboter, Ubongo oder eben auch Santy Anno geht das aber noch einen oder zwei Schritte weiter.

In einer Partie eines klassischen Brettspiels hat jeder Spieler hinreichend Zeit über jeden seiner Züge nachzudenken. Dabei wird der erfahrenere Spieler zwar die Augen verdrehen, sich jedoch gleichzeitig an seine ersten Züge erinnern und großmütig darüber hinwegsehen. Bei den hier diskutierten Spielen besteht diese Möglichkeit jedoch nicht. Jedes der Spiele benötigt eine ganz gewisse Herangehensweise an die Lösung der jeweiligen Aufgabe. Bei Speed ist es die Mustererkennung der beiden Kartenstapel in der Mitte, bei Ubongo die plastische Vorstellung der verschiedenen Plättchen, mit denen es das Parkettierungsproblem zu lösen gilt. Bei Santy Anno ist es eben diese gewisse Effizienz mit der man die Konstellationen schneller sieht bzw. mit der man sich eher merkt, wo auf dem Tisch das jeweils korrespondierende Schiff mit dem gleichfarbigen Segel lag.

Ich habe an diesem Wochenende bei mir festgestellt, dass ich zwar natürlich nicht schneller denken kann, intelligenter bin oder was auch immer, dass aber diejenigen, die Santy Anno schon kannten, ihr Gehirn schon an diese Herausforderungen gewöhnt hatten. Den meisten meiner Mitspieler war das nicht so schnell möglich. Daher hat sich die Spielerfahrung dahingehend ausgezahlt, dass meine Freundin und ich uns jeweils um den ersten Platz gestritten haben und die restlichen Mitpieler ab Rang 3 um die Punkte fochten. Wie oben schon erwähnt, ich habe nicht besonders viele Spiele gegen sie gewonnen ...

Darüber hinaus gibt es bei Geschwindigkeitsspielen noch eine andere Hürde zu erklimmen. In einer normalen Partie jedes anderen Spieles wird es immer Situationen geben, wo ein erfahrenerer Spieler seine Mitspieler an eben dieser Erfahrung teilhaben lässt. Wenn ich während einer Runde Thurn & Taxis einen wirklich blöden Fehler meiner Mitspieler erblicke, dann weise ich sie darauf hin. Punkt. Dann wird das Spiel 10 Sekunden zurückgespult und alle sind glücklich. Ich spiele zwar auch, um zu gewinnen, aber selbst mein Ego hat Grenzen.

Bei Geschwindigkeitsspielen ist das nicht möglich. Ich habe, wenn ich gerade verzweifelt versuche meinen Kartenstapel in die Mitte abzulegen, nicht auch noch die Zeit eine kleine Vorlesung über die Taktiken bei Speed zu halten. Da muss dann in dieser Situation jeder selbst durch. Der Geschwindigkeitsaspekt verhindert dann eben ganz generell die Möglichkeit, kleine Tipps zu geben, auf Fehler hinzuweisen oder einfach nur freundlich und nett nebeneinander her zu spielen. Darum werden diese Spiele von den überfahrenen Mitspielern manchmal als "härter" in der Gangart empfunden.

Insgesamt glaube ich nicht, dass Geschwindigkeitsspiele die schlechteren Spiele sind. Sie eignen sich meiner Meinung nach sogar besonders gut, um Menschen, die weniger Spiele kennen, an dieses wundervolle Hobby heranzuführen. Jeder am Tisch sollte aber auf die Tatsache hingewiesen werden, dass es nicht nur bei Schach (das kennen die meisten) sondern auch bei einer Partie Rasende Roboter einen dicken Erfahrungsbonus gibt. Wenn alle sich darüber einig sind, dass das kein Problem ist, ist alles in bester Ordnung.

Für uns war das an diesem Wochenende kein Problem. Es hat mich nur dazu gebracht mal wieder darüber nachzudenken. In einer anderen regelmäßigen Spielgruppe war dasselbe Thema schon mal ein kleiner Stolperstein. Dort werde ich kein Ubongo mehr spielen. Gut. Age of Steam ist auch nicht schlecht ...

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