4. November 2006

Kein Erz und keine Ritter!

In den letzten Monaten wird die Spieleauswahl am Abend zu einem immer größeren Thema. Früher war alles viel besser (TM). Die Mitspieler sind abends oder auch mal nachmittags zu uns zum Spielen gekommen und haben sich darauf verlassen, dass ich ein oder zwei interessante Spiele aus meinem reichhaltigen Fundus auswähle und ihnen kredenze. Seit einiger Zeit gibt es aber bei diesem doch recht einfachen Vorgang immer wieder Vorbehalte. Sind es auf der einen Seite Aussagen wie "Bloß nichts mit Gebiets- oder Endwertungen!", so höre ich von anderer Seite Einwände, die dem Spiel die Verwendung von Rohstoffen und Rittern verbieten.

Ich brauche also immer häufiger eine gewisse Strategie vor der eigentlichen Strategie. Ich habe ein Metaspiel vor dem eigentlichen Spiel zu bestreiten. Eine bange Frage ist zu beantworten: Ist das für den aktuellen Abend ausgewählte Spiel den Ansprüchen der Gäste gewachsen?

Mit diesem "Problem" bin ich offensichtlich nicht alleine. Besonders angetan hat es mir in dieser Hinsicht der Podcast "The Spiel" von Stephen Conway und David Coleson aus Indianapolis. In jeder Ausgabe des Podcasts gibt es eine spezielle Rubrik namens "The Game Sommelier", wo die beiden Moderatoren sich abwechselnd Aufgaben zu interessanten Situationen stellen. Bspw. "Wähle fünf Spiele aus, die besonders gut in einer Gruppe von Nicht-Spielern funktionieren, die aber trotzdem einen Vielspieler nicht langweilen."

Mir hilft bei der Auswahl die Tatsache, dass ich seit einigen Jahren eine Spieletagebuch führe. Dort vermerke ich neben dem Spiel selbst natürlich auch kurz, wie es den Mitspielern gefallen hat. Wenn man sich ein wenig mit diesen Daten beschäftigt (was ich ab und zu mal mache ... ja, ich gebe es zu, ich bin ein Geek), kann man relativ einfach gewisse Muster in diesen Bewertungen erkennen und für sich selber nutzen. Diese Muster zu erkennen ist die größte Herausforderung im Metaspiel.

Leider habe ich durch diese Auswahl nicht immer die Möglichkeit, die Spiele auf den Tisch zu bringen, die meiner eigenen Stimmungslage genau entsprechen. Hinzu kommt, dass wir alle (nagut, fast alle) keine Studenten mehr sind. Das Ende eines einzelnen Spieleabends ist mit ziemlicher Sicherheit spätestens zwei Stunden nach Mitternacht (an einem Samstag) gekommen. Einzelne Besucher verabschieden sich auch schonmal einige Stunden früher (nach dem Aufwärmer), weil die kommende Woche besonders stressig wird oder die letzte sehr anstrengend war. (Kommen die eigentlich nur, um das hinreissende Essen zu geniessen? Vielleicht.) Das sind aber alles Unwägbarkeiten, die das Metaspiel nicht unbedingt einfacher werden lassen.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich spiele das Metaspiel gerne! Ich denke, dass es eine Herausforderung an mich persönlich ist, ein möglichst passendes Spiel auszusuchen. Ansonsten könnte ich mir ja andere Mitspieler suchen ;-) Ich möchte besonders auch das feststehende Ritual am Ende jedes Abends, wenn die Benotungen für die gespielten Titel in die Liste eingetragen werden, nicht mehr missen. Das ist der Augenblick, wo für mich die Siegpunkte im Metaspiel verteilt werden.


Natürlich steht, so kurz nach einer Spielemesse, die Spieleauswahl jedes Mal unter einem schlechten Stern. Es gibt im Moment halt einfach keine Optionen, als die Neuheiten der Messe auszuprobieren. Kann ich da überhaupt gewinnen?

Kürzlich ausprobiert in der Runde der "Bloß keine Zwischen- und Endwertung" Fraktion habe ich "Factory Fun" von Corné van Moorsel erschienen bei Cwali. Das Spiel ist sehr gut angekommen. Bei Factory Fun handelt es sich um eine Adaption der grundlegenden Idee eines uralten Computerspieles "Super Pipeline". Jeder Mitspieler baut auf seinem eigenen Spielbrett eine Fabrikhalle mit verschiedenfarbigen Quellen, Maschinen und jeder Menge Rohren auf. Durch besonders geschickte Verbindungen zwischen den eigenen Maschinen (wenn der Ausgang einer Maschine den Eingang einer anderen Maschine beliefert) kann man Bonuspunkte gewinnen, im Prinzip baut aber jeder vor sich hin und versucht seine Fabrik zu optimieren. Ein schönes Puzzle-Spiel. In jeder der 10 Spielrunden bekommt man jeweils eine neue Maschine dazu.

Factory Fun (Cwali)

Die Auswahl dieser Maschinen ist das einzige Mal, wo die Spieler direkt in Interaktion miteinander treten. Es wird von jedem Spieler gleichzeitig genau ein Maschinenplättchen herumgedreht und alle suchen sich gleichzeitig eines der zur Verfügung stehenden Teile aus. Wer zuerst zugreift, bekommt den das Gerät. Hier hätte man sich sicherlich auch andere Mechanismen (Versteigerungen?) denken können, jedoch glaube ich nicht, dass das Spiel dadurch besser geworden wäre. Das Hauptaugenmerk jeder Partie Factory Fun liegt eindeutig auf dem Puzzle in der eigenen Fabrikhalle. Eine Versteigerung bspw. hätte das Spiel unnötig in die Länge gezogen und den Fokus von den bunten Röhren auf den eigenen Kontostand und die Versteigerung selbst fixiert. So greift man auch schonmal zu engagiert zu und bekommt eine Maschine ab, die eigentlich doch nicht so richtig in die eigene Halle passt. Dieses gewisse hektische Moment gefällt mir sehr gut.

Apropos Hektik: Auch neu und bisher erst zweimal gespielt ist "Santy Anno" von Alain Orban, erschienen bei Repos Production. Ein ganz anderes Setting, aber ebenso ein Puzzle-Spiel mit einem kleinen Schuss Hektik gewürzt. Jeder Spieler versucht aus den 8 am Tischrand ausliegenden Piratenschiffen mit unterschiedlichen Charakteristika (gelber Rumpf, blaue Segel, ...) dasjenige herauszufinden, wo er diese Runde möglichst schnell hinlaufen muss. Ja. Laufen. Das Spiel wird idealerweise im Stehen gespielt und jeder Spieler ist angehalten tatsächlich um den Tisch zu demjenigen Schiff zu wandern, das sein in dieser Runde zu erreichendes Ziel ist. Natürlich kann man das Spiel auch im Sitzen spielen, aber das macht natürlich nur halb soviel Spaß. Die Auswahl des jeweiligen Zielschiffes ist das Puzzle. Jeder Pirat beginnt auf dem Schiff vor sich und muss, von dort ausgehend, die jede Runde ausgelegten Karten anwenden. Diese schreiben zum Beispiel vor, dass man von seinem aktuellen Schiff zu demjenigen mit der gleichen Segelfarbe wechseln muss. Oder, dass man von seinem aktuellen Schiff zu demjenigen mit dem gleichen Anfangsbuchstaben des Namens wechseln muss usw. Zwischen 5 und 8 dieser Karten werden jede Runde aufgedeckt und jeder Spieler sollte möglichst schnell das Schiff identifizieren, auf dem er landet, wenn alle diese Karten in genau dieser Reihenfolge auf seine Startposition angewendet werden. Das alles geschieht im Kopf. Dann nur noch möglichst schnell zum richtigen Schiff wandern (na gut, rennen) und seine Piratenmütze in die Mitte werfen. Fertig. Wer am schnellsten ist (und dabei auch noch richtig liegt) bekommt jede Runde das meiste Geld.

Santy Anno (Repros Production)

Warum gefällt mir das Spiel? Weil es wirklich jeder spielen kann. Vielleicht wird nicht jeder in der Lage sein, dass Spiel auch zu gewinnen, aber ist das nicht bei jedem Spiel so? Es gibt Spieler in meinem Umfeld, die große Vorbehalte gegenüber Echtzeitspielen haben. Spielen also, wo es um tatsächliche Geschwindigkeit geht. Gut, mit denen spiele ich dann eher 1835 oder Jenga. Hier sind zur Abwechslung mal komplett andere Fähigkeiten als bei Go, Torres oder Puerto Rico gefragt. Für mich ist Santy Anno damit eine willkommene Erweiterung meiner Spieleauswahl für größere Spaßrunden und unter anderem auch für meine Geschwister und deren Freunde am weihnachtlichen Spieleabend geeignet.

1 Kommentar:

  1. Ja, ja, das Metaspiel...

    Du sprichst mir da aus der Seele, es ist oft gar nicht einfach, die "richtigen" Spiele auszuwählen!

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