3. November 2006

Glasperlen und Edelsteine

Die vergangene Spielemesse war für mich insofern sehr verschieden von den vorigen Inkarnationen, als ich dieses Mal so ausführlich über Neuheiten und die Verlage informiert war wie noch nie zuvor. Ich hatte vor der Messe intensiver als in den Jahren zuvor die Neuheitenvorschau der Spielbox gelesen. Ich hatte fast täglich die Berichterstattung auf BoardGameNews.com im Browser und gierig nach neuen Informationen und Anhaltspunkten für notwendige Vorbestellungen gesucht. Am Dienstag und Mittwoch vor der Messe habe ich mich mit Textmarkern durch eine ausgedruckte Neuheitenliste gewühlt und Spiele in Kategorien ("besser sofort hin ... wahrscheinlich schnell ausverkauft" bis hin zu "ja, wenn ich Sonntag noch Zeit habe, kann ich mir das mal anschauen") eingeteilt. Und wofür das alles? Im Endeffekt (so muss ich im Nachhinein sagen) hat es leider dazu geführt, dass ich auf der Messe in erster Linie mittelmäßig und teilweise sogar schlechte Spiele gespielt habe, während ich die guten Sachen schon alle im Sack hatte!

Hätte ich mich, wenn ich dringend noch hätte wissen müssen, ob "Space Dealer" nun tatsächlich ein gutes Spiel ist, oder der Hype es nur hochlobt, hingesetzt und eine Partie "Project Skyline" von Amigo gespielt? Ich glaube nicht. Hätte ich "Das Tal der Abenteuer" von Parker an diesem legendären österreichischen Stand ausprobiert, wenn ich vorher noch Informationen über "Through the Ages" hätte sammeln müssen? Ganz sicher nicht.

Für mich hat sich in diesem Jahr die intensive Nutzung der Vorabinformationen negativ auf meinen Messebesuch ausgewirkt. Das werde ich in den nächsten Jahren ganz sicher wieder anders gestalten. Natürlich gehe ich nicht hin und ignoriere die Vorberichterstattung! Wer ignoriert schon die Adventszeit? Ich werde jedoch meinen Weg durch die Messe wieder weniger planen und (mein armer Geldbeutel) wieder impulsiver spielen. Darüber hinaus werde ich ganz sicher von meinem ehernen Gesetz abrücken, dass kein Spiel abgebrochen wird. Das hätte mir in diesem Jahr ein oder zwei zusätzliche Messestunden beschert.


Nicht abgebrochen, sondern direkt zweimal hintereinander gespielt haben wir "Fiji" von Friedemann Friese, erschienen bei dessen eigenem Verlag 2F-Spiele. Diese beiden Partien waren jedoch (zugegeben) im Anschluss an die Messe, nachdem ich mir die Neuheiten von 2F auf der Messe vorbehaltlos und völlig kritikfrei gekauft habe. Mir gefällt Fiji gut. Ich mag spiele, in denen man durch ein wenig Psychologie und Einschätzung seiner Mitspieler besser spielen kann. Ein gewisses Glücksmoment ist natürlich immer dabei, denn kein Mitspieler verhält sich so, wie ich es vorraussage, aber das ich das Spiel deutlich häufiger gewinne als verliere zeigt zumindest mir, dass es in gewisser Weise wohl doch nicht ganz so planlos ist.

Natürlich gibt es andere Blind Bidding Spiele, die ein ähnliches Flair produzieren. Fiji löst dieses Konkurenzsituation dadurch, dass es eben nicht darum geht immer nur das Meiste von irgendwas (hier Glasperlen) zu haben, sondern man abhängig von den aktuellen Zielkarten sogar besser fahren kann, wenn man versucht alle seine Steine von bestimmten Farben loszuwerden. Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass das Thema arg aufgesetzt ist. Die "Schrumpfköpfe" um die es im Endeffekt geht, haben keinerlei Einfluss auf das Spiel, sind also nur ganz normale Siegpunktmarker. Thematisch habe ich von Friedemann Friese schon bessere Spiele gesehen. Da hatte ich mir mehr erhofft.

"Astoria" von Christophe Finas, erschienen bei Role et Strategie Editions, wartet mit einem anderen, von mir sehr gerne gesehenen Spielmechanismus auf. Verdeckte Rollen. Ich bin ein großer Fan von Spielen wie "Schatten über Camelot" oder auch "Heimlich & Co" wo man am Anfang des Spiels eine Rolle zugelost bekommt und dann, abhängig von dieser Rolle, eine andere Siegbedingung hat als die Mitspieler. Sowas finde ich spannend und deshalb gefällt mir Astoria noch ausnehmend gut. Zumindest das sog. "Epische Spiel". Die "Kombiversion" liegt dem Spiel zwar auch bei (zwei Spiele mit demselben Material in einer handfesten Holzkiste ... für nur 20 Euro auf der Spielemesse? Was kann man da falsch machen?) hat aber nicht diesen Mechanismus. Die verschiedenen Rollen in Astoria sind unterschiedlich genug und interagieren auf nicht-triviale Weise, so dass zumindest bei mir noch keine Abnutzung eintrat. Astoria ist ein Spiel, wo man noch gegen Ende der ersten Partie mit der Hand vor die Stirn haut und leise stöhnend bemerkt, welche Fehler man in den ersten Runden gemacht hat.

Leider hat Astoria aber auch ein großes Problem. Die deutschen Regeln sind wahrlich unterirdisch. Ohne mindestens auch noch die englische Regelversion zum Vergleich dabeizuhaben, wäre das Spiel für uns im ersten Durchlauf nicht spielbar gewesen. Schon so war es nicht ganz einfach. Es gibt Übersetzungsfehler, es gibt Formulierungen, die ein Muttersprachler so nie verwenden würde und die das Lesen zu einer Anstrengung verkommen lassen und es gibt teilweise sogar echte Fehler in der Regel, weil die deutsche Version die Übersetzung einer früheren Regelversion ist. Die freundlichen Leute von Role et Strategie Edition sind aber sehr zuvorkommend, wenn man sich mit Regelfragen an sie wendet, so das sich hoffe in den nächsten Tagen zumindest eine kleine FAQ irgendwo hochladen zu können.

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